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18:06 MOSKAU, 17. April 2009 (Andrej Kisljakow für RIA Novosti). Am 6. April hat die russische Weltraumbehörde verkündet, dass der Raketenbauer Energija ein Mehrweg-Raumschiff mit dem Namen Rus entwerfen und bauen soll.Bisher weiß aber niemand genau, wofür das Schiff eigentlich eingesetzt werden soll...


2010 soll ein Entwurf dieses Schiffes fertig sein. Auch eine zukunftsfähige Trägerrakete, die den Nachfolger der alten und verdienten Sojus- und Progress-Fähren auf die Erdumlaufbahn bringen soll, steht auf dem Plan.

Jedenfalls kann jetzt keiner sagen, dass Russland keine staatliche Weltraumstrategie hat. Doch jetzt kann diese Tatsache allein keine Freude bringen.

Im Sommer 2005 stellte der Raketenbauer Energija den Entwurf einer geflügelten Weltraumfähre mit dem Namen Clipper vor. Es gab Dutzende offene Äußerungen, dass das Schiff gebaut werden solle. Doch ein Jahr später wurde Clipper als perspektivlos abgestempelt.

Stattdessen wurde eine weitere tiefgreifende Modernisierung der Sojus samt gleichzeitiger Entwicklung eines neuen Schiffs gemeinsam mit der EU auf die Tagesordnung gestellt.

Zwischen Sommer 2006 und Frühjahr 2009 verschwand das Raumschiff-Thema von der Oberfläche. Doch im März stellte es sich heraus, dass die Europäische Weltraumagentur (ESA) gar nicht von einer gemeinsamen Entwicklung mit Roskosmos träumt. Jetzt kommt also im April eine Meldung über den offiziellen Beginn der Arbeiten an einem eigenen russischen Schiff.

Auf jeden Fall hat Russland vier Jahre lang nicht direkt an einem neuen Schiff gearbeitet. Leider können die verlorenen Jahre in Hinblick auf die Situation in der internationalen Weltraumindustrie und die Aufgaben des neuen Schiffs verhängnisvoll sein.

„2015 soll der neue Transporter zum ersten Mal starten. Gleichzeitig fangen wir die Arbeit an bemannten Schiffen an. In drei Jahren, also 2018, soll dieses System auch bemannt fliegen. (…) Die Hauptsache ist, eine Möglichkeit für einen Flug zur ISS zu bekommen. Auch zur künftigen Raumstation, einer Expeditionsvariante, die im Weltraum montiert werden soll. Nach der ISS stehen bei uns Mondflüge auf dem Programm.“

Das sagte Roskosmos-Chef Anatoli Perminow am 10. April in einem Interview für die Fernsehsendung „Vesti“.

Jetzt wissen wir, dass die Rus zur ISS und zu einem weiteren bemannten Objekt fliegen soll. Doch die ISS soll 2015 außer Betrieb gesetzt werden. Es gibt zwar die Meinung, dass die Lebensdauer der Station bis 2020 verlängert werden sollte. Doch diese Entscheidung hängt nicht einmal von der Mehrheit der nationalen Weltraumagenturen der beteiligten Länder, sondern von deren höchsten Leitern ab. Dass sie dazu ja sagen, ist aber kaum wahrscheinlich.

Mehr noch, der finanzkräftigste Teilnehmer des ISS-Programms, die USA, ist gegen eine Verlängerung des Programms. Es kann sogar so kommen, dass sie nach der endgültigen Einstellung ihrer Shuttles 2010 auf die Flüge zur ISS verzichten.

Nehmen wir aber an, die ISS bleibt bis 2020 und sogar bis 2022 auf der Umlaufbahn. Wird die neue Rus wenigstens einige Male zur Station fliegen? Nicht unbedingt. Die Geschwindigkeit, mit der die vorherigen Projekte, beispielsweise der nach wie vor unfertige Raketenkomplex Angara, umgesetzt werden, lässt eher das Umgekehrte vermuten.

Auch die globale Krise droht, die geplanten Erhöhungen der Finanzzuschüsse zunichte zu machen. Der Stellvertreter des Energija-Generalkonstrukteurs Valeri Rjumin hat übrigens in einem Interview gesagt, dass die zugeteilten 800 Millionen Rubel um 30 Prozent unter dem für den Entwurf des neuen Schiffes benötigten Betrag lägen (1 Euro entspricht etwa 44 Rubel).

Kurz gesagt, das neue Schiff wird kaum mit der ISS in Berührung kommen. Russland hätte vielleicht davon träumen können, wenn es nicht vier Jahre für die Verhandlungen mit der ESA verloren hätte.

Wohin soll es dann fliegen? Wahrscheinlich zu einer neuen bemannten Station. Doch was wissen wir davon? So gut wie nichts außer allgemeinen Erklärungen. Mal wird sie als Russlands Vorposten auf der polaren Umlaufbahn, mal als Montagekomplex für künftige interplanetare Expeditionen bezeichnet, mal als beides. Kurz gesagt, ernstzunehmende Pläne zu diesem Objekt wurden bisher nicht geäußert.

Es gibt aber eine kleine, dennoch vielsagende Nuance. Ende Januar antwortete Roskosmos-Chef Anatoli Perminow auf die Journalistenfrage, ob es eine russische oder eine internationale Station werden solle, dass alles von der Finanzierung abhänge. Als weitere entscheidende Faktoren nannte er den Zustand der internationalen Zusammenarbeit in der bemannten Raumfahrt und den Zustand der Projekte auf diesem Gebiet.

„Der Bau eines bemannten Schiffes hängt von der Finanzierung und der Bereitschaft der internationalen Weltraum-Gemeinschaft ab“, sagte auch der Chef der Roskosmos-Abteilung für bemannte Programme, Alexej Krasnow, am 1. April in einem Interview für die Roskosmos-Webseite.

„Genauer gesagt davon, ob die Politiker ein neues Projekt vorschlagen wollen, bei dem die Erfahrung der gemeinsamen Errichtung und des Betriebs der Internationalen Raumstation in Betracht gezogen würde. Ohne eine Vereinigung der Ressourcen können wir nicht auf ein ernsthaftes Mond- und Marsprogramm hoffen.

Gleichzeitig glaube ich, dass das russische Programm eigenständig und zukunftsweisend für unsere Wissenschaft und Industrie sein muss. Doch es muss auch interessant für die internationale Gemeinschaft sein. Ich hoffe, dass wir diesen Weg einschlagen werden.“

Daraus lässt sich schließen, dass Russlands zukunftsweisende Weltraumprojekte vom Geld und von der internationalen Kooperation abhängen.

Sind aber die Partner zu Opfern auf diesem Weg bereit? Bisher spricht alles dagegen: Sowohl Amerika als auch Westeuropa sind nahe daran, eigene Lastschiffe und bemannte Apparate zu schaffen, die offensichtlich vor dem neuen russischen Schiff entstehen sollen.

Die Scheidung mit der ESA spricht für sich. Es gibt keinen Grund für Annahmen, dass Russland in der nächsten Zeit zum geschätzten Partner wird, jedenfalls nicht bei bemannten Programmen.

„Bei verschiedenen Raumtechnologien hängen wir sieben bis 30 Jahre zurück“, sagte der jetzige ISS-Kommandeur Gennadi Padalka in einem Interview, das am 30. März in der Zeitung „Nowaja Gaseta“ veröffentlicht wurde.

„Natürlich werden Stimmen laut, dass die Krise keine Ressourcen für die Raumfahrt übrig lässt. Doch die Krise hat eben erst angefangen und die ISS fliegt seit zehn Jahren. Wahrscheinlich haben die Beamten Angst, sich scharfen Fragen zu stellen. Im Endeffekt wird niemand uns zum Partner nehmen wollen. In Hinblick auf neue Technologien sind wir uninteressant.“

Somit hat die Rus weder eigene begründete Aufgaben noch Teilnahmechancen an internationalen Programmen. Wo bleibt dann die „staatliche Weltraumstrategie“?

Sie kann doch nicht in der fristgerechten Errichtung eines Schiffes bestehen, das nicht einmal genaue Flugziele und -zwecke hat.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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