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MOSKAU, 01. November (Juri Saizew für RIA Novosti). Am 1. November 1963 war der erste manövrierfähige Satellit namens Poljot vom Weltraumbahnhof Baikonur gestartet worden.

Es war der erste Raumapparat, der die Höhe und Neigung der Flugbahnebene verändern konnte - ein Prototyp für den künftigen „Satellitenjäger“. Genau fünf Jahre später hat ein ähnlicher Raumapparat erstmals ein Ziel im Weltraum abgefangen.

Nach dem gemeinsamen Flug der Raumschiffe Wostok-3 und Wostok-4 war klar, dass der Abstand zwischen unmanövrierfähigen Apparaten durch den genau berechneten Start auf mehrere Kilometer reduziert werden kann, was die Inspektion und gegebenenfalls die Vernichtung der gegnerischen Satelliten ermöglicht. Die Manövrierfähigkeit der Raumapparate gab erheblich mehr Abfangmöglichkeiten.

Es waren aber die USA, die die Entwicklung von Satellitenvernichtungssystemen begannen. Die ersten Projekte dieser Art wurden dort bereits Ende der 1950er Jahre ins Leben gerufen. Motivation dafür war wie gewohnt die sowjetische Bedrohung, genauer gesagt, die Angst vor den globalen Raketen mit uneingeschränkter Reichweite, anders bezeichnet als Orbitalraketen. Diese konnten einen nuklearen Gefechtskopf in den Weltraum bringen und einen Schlag gegen den Süden der Vereinigten Staaten verüben. Im Norden verfügen die USA über ein Raketenabwehrsystem mit Warnstationen, doch der Süden ist unverteidigt.

Doch die Sowjetunion führte die Raketen R-36 orb (nach westlicher Klassifikation SS-9 Mod. 3) erst 1968 ein, also fast zehn Jahre nach dem Beginn der Entwicklung der entsprechenden Bekämpfungsmittel in den USA. Somit war klar, dass das Ziel der US-Forschungsarbeiten nicht Raketen-, sondern Satellitenbekämpfungssysteme waren. Diese sollten bei einem eventuellen Kriegsbeginn Erkundungs-, Navigations-, Kommunikations- und Wettersatelliten abschießen.

Eine Zeit lang plante die Sowjetunion, die bemannten Sojus-Schiffe als Abfänger zu benutzen. Es gab sogar eine besondere Modifikation dafür, die Sojus-P. Doch das Projekt erwies sich als kompliziert und gefährlich für die Kosmonauten, weshalb darauf verzichtet wurde.

Auch der Abschuss von Zielen durch Mini-Raketen von automatischen und bemannten Abfängern oder die Stationierung von verminten Satelliten auf den nächstgelegenen Umlaufbahnen der zum Abschuss bestimmten Raumapparate kamen in Frage. Die Satelliten sollten sich dem Ziel nach einem Kommando von der Erde nähern und mit ihm zusammen explodieren.

Im Endeffekt wurde die kostengünstigste, technologisch einfachste und schnellste Variante gewählt. Eine Trägerrakete befördert den Abfangsatelliten auf eine Umlaufbahn neben der Umlaufbahn des Ziels. Der Satellit nähert sich dem Ziel mit Hilfe seiner Triebwerke und explodiert. Der Abfänger trägt circa 300 Kilogramm Sprengstoff, und sein Gehäuse zerfällt nach der Explosion in viele Fragmente, die mit großer Geschwindigkeit auseinanderstieben. Der garantierte Zerstörungsradius wurde auf einen Kilometer eingeschätzt.

Im April 1964 startete der Satellit Poljot-2. Beide Poljot-Modifikationen wurden unter der Leitung des renommierten Konstrukteurs Wladimir Tschelomej geschaffen. Die Rakete UR-200, die die Abfänger ursprünglich in den Weltraum bringen sollte, wurde ebenfalls von Tschelomej entworfen, doch ihre Entwicklung verzögerte sich, und die Satelliten wurden mit einer Zwei-Stufen-Modifikation der R-7 von Koroljow in den Weltraum befördert.

Später wurde die von dem Konstrukteur Michail Jangel entwickelte interkontinentale ballistische Rakete R-36 zum Träger bestimmt. Nach der Umprofilierung zur Trägerrakete bekam sie den Namen Zyklon, und die Arbeiten an dem Satellitenjägerprogramm wurden an das Konstrukteursbüro von Sergej Koroljow übergeben. Der Satellit blieb im Großen und Ganzen unverändert, bekam aber den Namen Kosmos.

Zwischen 1967 und 1970 wurden die manövrierfähigen Weltraumapparate Kosmos-185, -217, -248 und 249 ins All geschossen. Genau vor 40 Jahren, am 1. November 1968, fing der Satellitenjäger Kosmos-252 das erste Ziel ab. Darauf folgten neue Starts, nach denen das System in den Truppengebrauch eingeführt werden sollte.

1972 unterzeichneten die Sowjetunion und die USA den ABM-Vertrag, der auch die Satellitenabfangsysteme betraf. Das Testprogramm wurde je nach Verlauf der Verhandlungen abgebaut oder wieder aufgenommen. Doch das Anti-Satelliten-System wurde trotz allem eingeführt und später sogar beträchtlich modernisiert.

Seit 1976 werden Satellitenjäger der zweiten Generation in den Weltraum befördert. Die wichtigste Verbesserung war ein neues Leitsystem, das erstmals bei Kosmos-814 angewendet wurde. Der Satellitenjäger bewegte sich auf einer niedrigeren Umlaufbahn als sein Ziel und holte es schnell auf. Dann schaltete er die Triebwerke ein, hüpfte sozusagen in die Höhe und erschien weniger als einen Kilometer vom Ziel entfernt.

Bei so einer Abfangaktion kann der Gegner von der Erde aus die Manöver des Abfängers nicht entdecken und ihren Apparat nicht in Sicherheit bringen. Einige Satelliten wie der US-Erkundungssatellit Bog Bird können nach einer Warnung von der Erde das Bordtriebwerk einschalten und einer Verfolgung entgehen.

Insgesamt wurden im Verlauf der Tests mehrere Dutzend Abfangsatelliten in den Weltraum befördert. Zum letzten Mal wurde das Anti-Satelliten-System bei massiven Armeeübungen im Juli 1982 getestet. Während der Übungen wurden land- und seegestützte ballistische Raketen sowie militärische Satelliten ins All gebracht, darunter der Abfangsatellit Kosmos-1379, der die Attrappe eines US-amerikanischen Navigationssatelliten abschoss. Es wurden auch Abfangraketen gegen die Gefechtsköpfe der ballistischen Raketen abgefeuert.

Die US-Führung bezeichnete diese Übungen als „siebenstündigen Atomkrieg“. Daraufhin forderten amerikanische Politiker und Militärs, ein Anti-Satelliten- und Anti-Raketen-System der neuen Generation zu entwickeln. US-Präsident Reagan verkündete bereits einen Monat später den Anfang der entsprechenden Arbeiten und rief kurz darauf die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI) ins Leben.

Im August 1983 schlug der sowjetische Staatschef Juri Andropow vor, die Tests der Weltraumabwehrsysteme zu beenden. Doch der Satellitenbekämpfungskomplex blieb kampfbereit. Im April 1991 wurde eine verbesserte Variante, die IS-MU, in Betrieb genommen. Doch im August 1993 wurde das System auf Beschluss der russischen Führung außer Bereitschaft gesetzt.

Da die USA gegenwärtig alle russischen Vorschläge zu einer gemeinsamen Entscheidung über den Verzicht auf die Militarisierung des Weltraums ablehnen, werden der Ausbau des russischen Weltraumabwehrsystems und die Modernisierung der Abfangsatelliten, darunter ihre Ausrüstung mit Raum-Raum-Raketen, diskutiert. Der Abfänger soll dank moderneren Technologien weniger wiegen. Er soll auch auf bis zu 36 000 Kilometer hohen Umlaufbahnen, also auch gegen geostationären Satelliten, angewendet werden können.

Eventuell wird der landgestützte Komplex des Anti-Satelliten-Systems auf Baikonur reaktiviert oder auf ein russisches Testgelände umstationiert. Auch der Start der Trägerraketen mit den Satellitenjägern von schachtgestützten Startrampen der ballistischen Raketen der strategischen Raketentruppen kommt in Frage.

Zum Verfasser: Juri Saizew ist akademischer Berater der russischen Akademie der Ingenieurswissenschaften

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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