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19:28 MOSKAU, 09. Oktober (Andrej Kisljakow für RIA Novosti). In der heutigen Zeit lässt sich die Raumfahrt nur durch enge internationale Kooperation weiterentwickeln.

Die Menschheit setzt sich viel zu große Ziele, und keiner kann die nötigen Ressourcen im Alleingang auftreiben. Doch das Paradoxe besteht darin, dass die Weltraummächte dennoch die Möglichkeit, als unabhängige Spieler aufzutreten, in den Mittelpunkt setzen, obwohl sie von der Notwendigkeit der Kooperation reden. Vor allem geht es um freien Zugang in den Weltraum und die Möglichkeit, eigene bemannte Programme zu verwirklichen.

Russland hat in dieser Hinsicht echte Trümpfe in der Hand, dank denen es sein wissenschaftliches und technisches Potential stärken kann. Doch wie soll das Spiel laufen und mit wem? Vielleicht sollte es auch mal einen All-Einsatz auslassen?

In erster Linie geht es um Trägerraketen, für die Russland auf dem Weltmarkt wirbt. Auf diesem Gebiet gibt es massenhaft Anlässe für Optimismus, denn die Einnahmen der russischen Weltraumtechnikhersteller und -entwickler vom Transport ausländischer Satelliten in die Umlaufbahn betragen im Durchschnitt 700 Millionen Dollar pro Jahr. Am beliebtesten ist die schwere Proton-M-Trägerrakete, die für Milliardenverträge sorgt.

Nach Expertenprognosen sollen im anstehenden Jahrzehnt noch mehr Apparate auf die teuerste stationäre Umlaufbahn geschossen werden. Auf diesem Gebiet ist die Proton-Rakete der Spitzenreiter. Auch die mittelschwere Sojus-ST-Trägerrakete soll in Kürze vom ESA-Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana starten. Nach Informationen der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos sollen in den kommenden 15 Jahren Verträge über die Nutzung dieser Raketen für die Summe von 1,25 Milliarden Euro abgeschlossen werden.

Außerdem will Russland mit den zukunftsweisenden Angara-Trägerraketen alle Klassen von Raumträgern auf den Markt bringen und sich damit stabile und hohe Einnahmen sichern. Doch in diesem Zusammenhang bleibt eine Frage ungeklärt: Warum nimmt Russland trotz der offensichtlichen Dominanz auf dem Markt der Weltraumstarts weniger Profit ein als beispielsweise der europäische Konzern Arianespace? Wahrscheinlich wird heutzutage der kommerzielle Erfolg nicht nur durch die technische Seite bestimmt.

An zweiter Stelle sollten die bemannten Programme erwähnt werden, genauer, das einzige Weltraumprogramm mit Menschen im All, die Raumstation ISS. Russlands Position sieht auf den ersten Blick auch in diesem Fall als sicherer Erfolg aus. Nach dem Unglück der amerikanischen Columbia von 2003 sorgte Russland alleine für den Betrieb der ISS. Jetzt, da das Space-Shuttle-Programm der Amerikaner im Jahr 2010 auslaufen soll und das neue amerikanische Raumschiff Orion bis zu dem Zeitpunkt offensichtlich nicht fertig wird, bleiben die Sojus-Schiffe das einzige Transportmittel für die internationalen ISS-Crews.

Wirtschaftlich sieht alles auf den ersten Blick perfekt aus. Der größte Kontrakt ist das Abkommen mit der NASA vom April 2007 für die Summe von 719 Millionen US-Dollar über den Hin- und Rücktransport der US-Astronauten und -Lasten zur ISS im Laufe von vier Jahren sowie die Nutzung der Sojus-Raketen als Rettungsschiffe. Auch die politischen Fragen darum scheinen geklärt zu sein. Ende September verabschiedete der US-Senat eine Anordnung, laut der die Sojus-Schiffe nicht von den antiiranischen Sanktionen belastet werden. Somit wird es der NASA erlaubt, die ISS-Flüge ihrer Astronauten an Bord der Sojus-Raumschiffe bis 2016 zu bezahlen.

Doch auch ein Laie muss zugeben, dass Russlands geplante Teilnahme an diesem Programm keinen Nutzen bringen wird. Mehr noch: Damit kann die Entwicklung und Herstellung von neuer Technik weiter aufgeschoben werden.

NASA-Direktor Michael Griffin wertete die jüngste Entscheidung des Senats als einen Sieg. Andererseits hat er mehrmals über die künftige Abhängigkeit von Russland bei den ISS-Flügen geklagt. Mehr noch: Die NASA-Experten schätzen auf seine Anordnung hin die Möglichkeit ein, die Betriebsfristen der Space Shuttles zu verlängern.

Auch beide Präsidentschaftsanwärter haben ihr Missfallen wegen der möglichen Abhängigkeit von Russland bei der bemannten Raumfahrt offen gezeigt. Barak Obama hat dabei versprochen, bei seinem Wahlsieg zusätzlich zwei Milliarden Dollar für die Shuttles auszugeben.

In anderen Worten, der Senat ließ sich schweren Herzens auf diesen Schritt ein. Er hat die Anordnung nur deshalb verabschiedet, weil die Lage um den Transport der amerikanischen Astronauten zur ISS sonst aussichtslos ist.

Diese Zusammenarbeit mit zusammengebissenen Zähnen wird kaum fruchtbar werden. Außerdem wird die Position der Sojus-Schiffe als wichtigstes bemanntes Transportmittel für die ausländischen Programme wegen der niedrigen Industriekapazitäten die Schaffung eines neuen Raumtransportsystems behindern, dessen Entwicklung seit vielen Jahren stagniert.

Vielleicht sollte Russland das gesamte ISS-Programm und die Teilnahme daran von Grund auf revidieren? Eventuell würde es sich auch lohnen, die Schaffung der neuen bemannten Apparate tatkräftig voranzutreiben? Dann hat Russland wirklich nur Trümpfe in den Händen.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der der RIA Novosti übereinstimmen.

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