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11. November 2011. Am Donnerstag ist der Versuch gescheitert, Kontakt zur außer Kontrolle geratenen russischen Marssonde Phobos-Grunt aufzunehmen. Experten wollen die Situation zwar nicht dramatisieren, weisen jedoch darauf hin, dass die Ursachen für die technische Panne tiefer liegen. Eines ist dabei klar: Das Schicksal der russischen Raumfahrt hängt maßgeblich mit dem Erfolg der Mars-Mission zur Erforschung des fernen Weltraums zusammen.

 

„Patient“ ist kaum zu retten

Roskosmos versucht bereits seit einigen Tagen, telemetrische Daten von der Sonde zu bekommen. Dadurch will das Flugleitzentrum herausfinden, was auf der Sonde vor sich ging, als die Triebwerke gezündet und die Sonde auf die Flugbahn in Richtung Mars gesteuert werden sollte.

Nach der Panne herrschte bei den Verantwortlichen eine Mischung aus Ungewissheit und Pessimismus. Mal hieß es, „die Ergebnisse der Verbindungen sind noch nicht bekannt“, mal „die Kontaktaufnahme zur Sonde ist gescheitert. Es gibt immer noch keine telemetrischen Daten“.

„Meines Erachtens ist die Phobos-Grunt verloren gegangen. Das ist gut möglich. Dies ist wahrscheinlicher als die Möglichkeit, die Sonde zu beleben“, sagte Generalmajor Wladimir Uwarow.

Kontakt und Kontrolle verloren

Es wäre falsch, das Scheitern der Phobos-Grunt mit technischen Defekten zu erklären. Das Problem liegt wohl viel tiefer und hängt mit negativen Tendenzen in der Raumfahrtindustrie zusammen.

„Die Sonde wurde in die erdnahe Umlaufbahn gebracht, es gibt aber keinen Kontakt! Die Station macht täglich 16 Umrundungen, aber die Verbindung mit ihr konnte nur ein Mal aufgenommen werden“, sagte der unabhängige Experte und Gründer des Portals Buran.Ru, Vadim Lukaschewitsch.

Wenn Russland sich ernsthaft mit Missionen in den fernen Weltraum befassen wolle, müssen zuerst zwei oder drei Nebensender in einer geostationären Umlaufbahn installiert werden, so Lukaschewitsch. Bei der vorherigen Panne 1996 sei die Sonde „Mars-96“ einfach von den Bildschirmen verschwunden, sagte der Experte.

Zudem sollten für diese Art von Starts genügend Apparate im Weltall zur Verfügung stehen. „China verfügt derzeit über drei oder vier Nebensender. Russland hat aber keinen einzigen funktionierenden Nebensender“, betonte Lukaschewitsch.

Zähne zusammenbeißen

Unabhängig vom Schicksal der Marssonde hat Russlands unbemannte Raumfahrt einen heftigen Rückschlag erlitten. In den ersten Reaktionen war häufig die Forderung zu hören, auf ehrgeizige Projekte zu verzichten und sich stattdessen auf den erdnahen Weltraum zu konzentrieren.

„Wir dürfen nicht die Messlatte tiefer legen. Das Verlierersyndrom muss überwunden werden. Wir sind auf ein sehr ernstzunehmendes Problem gestoßen, haben fünf Milliarden Rubel ausgegeben und mit Mühe und Not einen Apparat entwickelt. Bei dessen Entwicklung hat sich eine russische Projektierungsschule gebildet – obwohl auch bei ihr Mängel zu erkennen sind“, sagte Lukaschewitsch.

Bei der Entwicklung der Marssonde verschlang das meiste Geld die Forschungs- und Konstruktionsarbeiten (die Sonde selbst kostet etwas mehr als eine Milliarde Rubel). Bei einer strengen Kostenkontrolle müsste die nächste Sonde deutlich günstiger sein, sagte der Experte.

Technische Pannen

Die russischen Raumapparate sind wegen elektronischer Mängel weniger zuverlässig als die westlichen. Das lässt sich vor allem auf ihre labile Elektronik und geringe Resistenz gegen die Strahlung zurückführen.

Nach dem Erfolg auf dem Mond und der Venus sind sowjetische Stationen mehrmals bei Marsflügen gescheitert. Die USA waren bei ihren Mars-Missionen erfolgreicher, obwohl auch bei ihnen nicht immer alles klappte.

Doch in diesem Fall handelt es sich nicht um den Verfall der Anlagen. Es geht entweder um Software-Mängel oder um eine technische Panne. Experten schließen nicht aus, dass die Sonde nicht ausreichend getestet wurde.

„Was hat Russland davon abgehalten, vor einem Jahr das Steuerungssystem und die Triebwerke in der Umlaufbahn zu testen?“, so Lukaschewitsch weiter. 2009 hatte Roskosmos nach seinen Worten den richtigen Zeitpunkt für den Start der Phobos-Grunt wegen der Position der Wissenschaftsakademie versäumt. Laut der Akademie der Wissenschaften war die Sonde noch nicht bereit für einen Start gewesen. Deshalb musste eine zweijährige Pause eingelegt werden, in der die Startanlagen verbessert werden konnten.

Angesichts der Tatsache, dass 90 Prozent der Phobos-Grunt-Systeme neu sind (das sagte der Roskosmos-Chef Wladimir Popowkin in der jüngsten Staatsduma-Sitzung), wäre es ratsam gewesen, sie bei mehreren Teststarts auf Herz und Nieren zu prüfen.

„Eine Zenit-Trägerrakete hätte noch gekauft werden müssen, die mit Systemen des Beschleunigungsblocks (Triebwerk, Treibstoffsystem, Sensoren der Sterne-Orientierung) bestückt und gestartet hätte werden können. Wäre alles in Ordnung gewesen, dann hätte man mit diesen Anlagen an Bord starten können. Doch dies wurde nicht gemacht“, sagte Lukaschewitsch.

Phobos-Grunt-Erfolg würde „grünes Licht“ für Erforschung ferner Weltraums bedeuten

Der Chef der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, Wladimir Popowkin, betonte vor kurzem, dass die Apparate zuallererst der Erforschung des fernen Weltraums und nicht kommerziellen Interessen dienen. Die Finanzierung der russischen Forschungsprogramme sei aber zu gering, um das absehbare Scheitern der Phobos-Mission als Einzelpanne anzusehen.

Nach der Havarie der Sonde Mars-96 war dies der erste Versuch seit 15 Jahren, eine Forschungssonde außerhalb des erdnahen Weltraums zu schicken. Dieser Versuch wird wohl lange Zeit der einzige bleiben. Der vor einigen Tagen auf 2015 verschobene Start der Mondstation „Luna-Globe“ soll jetzt offenbar für noch länger vertagt werden.

Eine Wiederholung der Phobos-Mission (falls demnächst kein Wunder geschieht und die Sonde nicht unter Kontrolle nicht genommen wird) wird wohl der günstigste und effektivste Weg sein, um die Erforschung ferner Galaxien fortzusetzen.

Die Mängel der Sonde können gefunden und beseitigt werden. Damit sollte man sich aber nicht begnügen. Russlands Raumfahrt muss von Grund auf neu aufgestellt werden.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.



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