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In keiner anderen Zeit der Menschheitsgeschichte hat die technische Entwicklung einen stürmischeren Verlauf erlebt, als in derjenigen des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Zeiträume zwischen Neuschöpfung und Veraltung unterliegen einer zunehmenden Dynamik. Leider besteht dabei für die oftmals geistreichen Zwischenetappen einer Entwicklung die Gefahr des Vergessens. Selbst stolze Zeugnisse der jüngeren Vergangenheit sind hiervon betroffen und werden manchmal bedenkenlos dem Verfall preisgegeben.

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Das zentrale Betriebsgebäude

Einer dieser fast vergessenen technischen Höhepunkte war die auf der indonesischen Insel Java entstandene Radiostation Malabar. Für die Radioenthusiasten ihrer Zeit war sie ein Mythos, und ist bis heute, siebzig Jahre danach, die wohl stärkste jemals gebaute Sendestation geblieben. Anhand dieses Beitrages wird nun versucht, ihre Historie zu rekonstruieren.

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Halle mit dem  großen Lichtbogensender im Hintergrund

Das Malabarmassiv, oder wie es im Indonesischen heißt, der "Gunung Malabar", erhebt sich dreißig Kilometer südlich der westjavanischen Stadt Bandung. Bandung warum den Beginn der zwanziger Jahre, dem Zeitpunkt des Geschehens, bevorzugter Wohnsitz der ehemaligen holländischen Kolonialbeamten, die es aus dem feuchtheißen und malariaverseuchten Batavia in die angenehme Höhenlage drängte. Die Idee einer direkten Radioverbindung zwischen dem damaligen "Holländisch Ostindien" und seinem Mutterland entstand im Jahr 1916, im Rahmen einer Dissertation des holländischen Ingenieurs de Groot. Bis dahin, der Pionierzeit der drahtlosen Telegraphie, hielt man eine Verbindung nur unter Einbezug von Relaisstationen für möglich. Aus holländischer Sicht aber war der Gedanke sehr verlockend, vor allem wegen der besseren politischen Anbindung des jahrhundertealten Kolonialgebietes an sein Mutterland.

Mit ausgeliehenen Empfangsgeräten wurden daher erste Versuche angestellt. Die Geräte trugen das Markenzeichen "Telefunken", der noch jungen deutschen Gesellschaft für drahtlose Telegraphie. Tatsächlich gelang es auch, gegen alle Erwartung, einige der bereits bestehenden europäischen und amerikanischen Sendestationen mehr oder weniger regelmäßig zu empfangen.

Die physikalischen Prinzipien der Wellenausbreitung waren noch weitgehend unbekannt. Allgemein aber glaubte man, die günstigste Wirkung durch die Wahl einer möglichst großen Wellenlänge zu erzielen und durch hohe Sendeleistung. Die weltumspannenden Eigenschaften der kurzen Wellen hatte man noch nicht entdeckt. Jene hatte man den Radioamateuren als Tummelplatz für ihre Aktivitäten zugewiesen.

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Die beiden großen Lichtbogensender von 2400 Kilowatt

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Blick auf das unverkleidete Serderinnere. Die kupfernen
Magnetspulen sind deutlich zu erkennen.

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Der 100-kW-Maschinensender von Telefunken

Die ersten Versuchssendungen begann man mit Hilfe eines hundert Kilowatt starken Lichtbogensenders von Poulsen. Dieser schon lange nicht mehr verwendete Sendertyp nutzte die Eigenschaften des elektrischen Lichtbogens zur Schwingungserzeugung. Dr. de Groot, der die Untersuchungen leitete, verwendete als Antenne einen durch einen Ballon in die Höhe getragenen Draht. Später aber kam ihm die Idee, das Bergmassiv des "Gunung Malabar" mit seinen zwei Ausläufern und einer riesigen Kluft, als natürlichen Aufhängepunkt für seine Antennen zu verwenden. Im Malabar-Dschungel, einem Rückzugsgebiet der letzten javanischen Panther, fanden Rodungsarbeiten statt und es wurden erste Gebäude errichtet. Die Straßenbahngesellschaft zu Batavia stellte Dr. de Groot ihren einzigen Ersatzgenerator zur Stromerzeugung zur Verfügung, und das Militär lieh ihm einen Flugzeugmotor zum Antrieb. Ab März 1918 war man betriebsbereit und ging auf Sendung.

Aber die ersten Empfangsergebnisse in Holland entsprachen nicht den Erwartungen. Auch hatte der dortige Telegraphendienst keinen wirklich guten Empfänger. Am Malabar aber schritten die Entwicklungen fort, und man staute das durch seine Schlucht rauschende Flüßchen "Tji Geureuh" zum Antrieb einer Turbine. Der schwache Straßenbahndynamo wurde durch einen stärkeren Generator ersetzt.

Leider aber verfügte man in Holland noch immer nicht über eine genügend empfindliche Empfangsstation. Daher baute man in den Werkstätten des Telegraphendienstes von Batavia einen völlig neuen Empfänger und installierte ihn auf dem im Hafen von Batavia liegenden Kreuzer "De zewen Provincien" der Königlich Holländischen Marine. Jener war im November 1918 im Begriff, via Panamakanal die Fahrt ins Heimatland anzutreten. Tatsächlich wurden während dieser Fahrt die Malabar-Sendungen bis jenseits der Passage durch den Panamakanal empfangen. Damit war eine Reichweite von wenigstens derjenigen des halben Erdumfanges erreicht.

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Die Schaltanlage für die Antennen Der Maschinenraum mit seinen Umformern und Generatoren

Die direkte Entfernung nach Holland aber war wesentlich kürzer. Nach der Ankunft des Kreuzers wurde der Empfänger bei der Ortschaft Blaricum installiert, unweit von Amsterdam: Auch hier waren die Malabar-Sendungen nun während der Zeiten guter Wellenausbreitung zu empfangen. Aber man hielt die Verbindung als für nicht ausreichend. Einerseits war sie nicht zuverlässig genug, und zum anderen begnügte man sich nicht mit den relativ begrenzten Zeiten guter Wellenausbreitung.

Somit entstand der Entschluß zum Bau eines Senders, der stärker war, als alles was man bisher kannte. Nach Plänen des Dr. de Groot und unter Mitwirkung der Firmen Poulsen, Marconi und Telefunken wurden direkt vor Ort zwei wirklich gigantische Lichtbogensender von jeweils 2400 Kilowatt Leistung gebaut.

Zur Wirkungssteigerung waren die Lichtbogenkammern mit Wasserstoff gefüllt und in ein starkes Magnetfeld eingehüllt. Die Eisenkerne der Magnete brachten es auf ein Gewicht von jeweils 185 Tonnen; weitere zwanzig Tonnen wogen die kupfernen Spulen. Die vier Tonnen schweren bronzenen Lichtbogenkammern stammten übrigens von der Vulkanwerft in Stettin. Beide Sender waren für Wellenlängen zwischen 7 800 und 18000 Meter konstruiert. Üblicherweise aber fand die Wellenlänge 15600 Meter Verwendung, entsprechend einer Frequenz von 19,23 Kilohertz.

Zum Tragen der Antennen wurden zolldicke und bis zweitausend Meter lange Stahlseile über die Kluft gespannt. Die höchsten Aufhängepunkte befanden sich neunhundert Meter oberhalb der im Tal gelegenen Station. Motorgetriebene Winden sorgten für eine konstante Zugspannung von zehn Tonnen. Die fächerartig angeordneten Antennendrähte reichten siebenhundert Meter hoch zum Tragseil, wo sie an meterlangen Keramikisolatoren befestigt waren. Zur Verminderung von Koronaeffekten verwendete man natürlich keine einfachen Drähte, sondern daumendicke mit Kupferband umwickelte Leinen. Die benötigten Mengen an elektrischer Energie wurden zum Teil unmittelbar vor Ort erzeugt. Hierfür wurden Staubecken angelegt, die gleichzeitig auch der Kühlung der Sender dienten.

Mit diesem bis dahin unbekannten technischen Aufwand begann am 5. Mai 1923 der offizielle Sendebetrieb. Er diente nicht nur als Kontakt zum holländischen Mutterland, sondern auch zu einer Vielzahl von weiteren Ländern, die, in den regelmäßigen Verkehr mit einbezogen wurden. Unter anderem auch zur deutschen Funkstelle Nauen bei Berlin.

Dennoch, trotz aller Anstrengungen, waren die Ergebnisse immer noch vom Wunschziel entfernt. Aber die Gesetzmäßigkeiten der Wellenausbreitung ließen sich nicht überlisten, und ein noch höherer Aufwand war nicht mehr denkbar. So operierte man eine Reihe von Jahren so gut es ging. Genaugenommen bis zum Jahr 1927!

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Einer der ersten Röhrenkurzwellensender

Die auf den verschiedenen Kontinenten tätigen Funkamateure hatten nämlich mittlerweile herausgefunden, daß mittels der ihnen zugewiesenen und bis dahin für unnütz gehaltenen kurzen Wellen größte Reichweiten zu überbrücken waren. Sogar mit geringen Sendeleistungen. Letztere wurde bereits mit relativ geringem Aufwand durch Elektronenröhren erzeugt. Somit hatte der Sender der Superlative, vier Jahre nach seiner aufwendigen Fertigstellung, seine Daseinsberechtigung im wesentlichen eingebüßt. In keiner anderen Zeit wurden jemals wieder derart hohe Sendeleistungen zur Nachrichtenübertragung verwendet.

Im besagten Jahr 1927 wurde durch die Installation der ersten Kurzwellensender am Malabar eine neue Ära eingeleitet. Die damit erzielten Ergebnisse kamen dem erhofften Ziel schon sehr nahe. Dr. de Groot freilich war es nicht vergönnt, diese Entwicklung mitzuerleben. Während einer Reise zur Radiokonferenz in Washington starb er an Bord des Dampfers "An Pieterson Coen", gerade den Suezkanai passierend.

Unterdessen wurde es am Malabar räumlich eng. Außerdem war die Malabarkluft zur Kurzwellenabstrahlung nicht mehr sonderlich geeignet. Somit verlagerte sich das Zentrum des Geschehens nach Tegalega, unmittelbar bei Bandung gelegen. Das endgültige Ende nahte dem Mythos Malabar freilich erst im Jahr 1945: Japanische Bomberverbände versetzten ihm den Todesstoß. Damit endet die Beschreibung des historischen Geschehens.

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Die Reste des Kühlbeckens

Unterdessen hat der Dschungel seine ihm entrissenen Gebiete längst zurückerobert. Eine Erkundung der Malabarkluft hat heute schon fast den Charakter einer Expedition. Topographische Karten und ein geländegängiges Fahrzeug sind notwendig, sowie Haumesser und Kompaß. Ortskundig sind nur die Reisbauern der umliegenden Kampungs. Aber nicht alle von ihnen wagen sich in das Dickicht, schon gar nicht ohne den rasiermesserscharfen javanischen Golok. Trotz staatlich verordnetem Islam, ist ihr Leben von Animismus geprägt, und die Furcht vor Übersinnlichern und jeder Art von Spuk ist groß. Daher ist allerhand Überredungskunst nötig, einen der ihren als Wegbegleiter und Führer zu gewinnen.

Erste Anzeichen holländischer Wertarbeit offenbaren sich in Form einer alten, den "Tji Geureuh" überspannenden Brücke. Das verwendete Eisenholz hat die siebzig Jahre Tropenklima unbeschadet überstanden. Auch heute noch würde sie einer tonnenschweren Last widerstehen. Freilich, der Weg, den sie hinüberleitet, verliert sich nach wenigen Metern im Dschungel. Danach muß jeder weitere Sehritt in das Dickicht mit dem Golok mühsam freigeschlagen werden. Irgendwann häufen sich dann die Reste überwucherter und nicht mehr definierbarer Betonkonstruktionen im Gestrüpp.

 

Die ersten zusammenhängenden Gebäudefragmente entpuppen sich als die Latrinen der ehemaligen Bedienungsmannschaft.
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In der Malabar-Schlucht (Person im Vordergrund steht
auf Gebäuderesten)

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Das zentrale Betriebsgebäude während der Einweihung
im Jahr 1923

Die Inschriften ihrer holländischen Benutzer sind noch lesbar und degradieren die seither vergangene Zeit zu einem Nichts. Die sich dann offenbarende Lichtung gibt den Blick auf die Ruine des Kühlwasserbeckens frei. Es bietet sich gut als Orientierungspunkt an, denn auf historischen Fotos ist seine unmittelbare Lage vor dem großen Sendergebäude zu erkennen. Ja und dann, das Zentralgebäude ist gefunden, oder vielmehr das wenige was von ihm geblieben ist. Was japanische Bomben verschonten, scheint von Feuer zerstört, denn die Fensterdurchbrüche der freistehenden Giebelwände sind, soweit nicht moosüberzogen, rauchgeschwärzt. Die erhaltenen Reste lassen darauf schließen, daß die gesamte Oberkonstruktion in Holz ausgeführt war. Dies spricht für die Voraussicht ihrer Erbauer, denn Erdbeben sind in Java keine Seltenheit.

Der Boden ist von tiefen Furchen zerissen. Tropische Regengüsse haben hier ihre Arbeit geleistet. Unzählige blank gewaschene Porzellanisolatoren blitzen aus Schutt und Moos. Die Hoffnung auf einen Anblick der alten Senderkolosse bleibt freilich unerfüllt. Nur zwei riesige Betonklötze deuten auf ihren ehemaligen Standort hin. Die Frage nach ihrem Verbleib wird hypothetisch bleiben. Vielleicht haben die Bauern der Umgebung sie im Laufe der Zeit einer besseren Verwendung zugeführt. Ein Anflug von Wehmut ist nur schwer zu unterdrücken...

Am ehemaligen Schauplatz technischer Errungenschaften und weltweiter Ätherkontakte ist es still geworden. Zeit und Tropenklima werden auch in Zukunft an den verbliebenen Resten nagen. Doch das Gurgeln aus den verbliebenen unterirdischen Kanälen währt weiter fort. Vielleicht spendet es der mystischen Empfindsamkeit der gelegentlich umherstreifenden Reisbauern neue Nahrung.

Toni A. Latz

(Quelle: Funk 8/91)

mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Funkamateur"

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