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(aus Zeitschrift "Funk" 4/91)

In diesem Monat jährt sich zum 200. Male die Geburt von Samuel Finley Breeze Morse, dessen Name bis heute so untrennbar mit der elektrischen Telegrafie verbunden ist Blicken wir daher noch einmal zurück In seine Zeit, als die Elektrizität zu Meilen begann und so auch die Menschen einander näher brachte.

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S. F. B. Morse

Foto:
Deutsches Museum,
München

 

Morse wurde am 27. April 1791 in Charleston, Massachusetts, geboren, als erster Sohn von Jedediah Morse, der ein strenger Calvinist war. Seine Schulbildung erhielt er auf der Phillip's Academy in Andover und an der Yale-Universität, die er 1810 mit einem Diplom verließ. Von 1811 bis 1815 studierte er in England Malerei und reiste anschließend als Porträt- und Landschaftsmaler umher, eine Lebensweise, die nicht den Vorstellungen seines streng denkenden Vaters entsprach. Aber 1825 ließ er sich in New York nieder und lehrte auch an der dortigen Universität. Von 1829 bis 1832 weilte er in Italien, um berühmte Gemälde zu kopieren.

Auf der Rückreise von Le Havre nach New York auf dem Postdampfer "Su11y" hörte er von seinem Landsmann Dr. Charles T. Jackson, der an der Sorbonne in Paris Vorlesungen gehört hatte, zum ersten Male etwas über einen Elektromagneten und seine eventuelle Anwendung in der Telegrafie.

Die Zeit vor Morse

Morse war, so kann man es heute sehen, in die beginnende Zeit der fließenden Elektrizität hineingeboren. Bevor Galvani 1759 von seinen Versuchen mit Froschschenkeln berichtete, hatte man fast nur Kenntnisse von der statischen Elektrizität. 1799 baute Alessandro Volta das erste galvanische Element. Ein Jahr später beobachtete der englische Chirurg Anthony Carlisle die Elektrolyse als erste Wirkung des elektrischen Stromes. Auf ihr beruhte der aller erste elektrische Telegraf von Samuel Thomas von Sömmering. Er benötigte allerdings für jedes zu übertragende Zeichen einen eigenen Draht (1809).
1819 entdeckte Hans Christian Örsted in Kopenhagen die Ablenkung einer Magnetnadel durch den elektrischen Strom. Andre Ampere entwickelte daraus in Paris den Elektrorriagneten. 1826 veröffentlichte Georg Simon Ohm sein grundlegendes Gesetz über den elektrischen Stromkreis.

Ab 1832 nutzten Baron Schilling von Cannstadt, Karl Friedrich Gauß und Wilhelm Eduard Weber sowie August Steinheil Örsteds Entdeckung zum Bau von Nadeltelegrafen. Alle diese Systeme verwendeten zuletzt nur noch einen einzigen Stromkreis und übertrugen die Zeichen in codierter Form, benötigten aber als Taste eine Art Polwender, um die Nadel nach links und rechts ablenken zu können. Steinheil benutzte als erster die Erde als Rückleiter und sparte so einen Draht. Der Engländer Charles Wheatstone, der sich ebenfalls mit Nadeltelegrafen beschäftigt hatte, publizierte 1839 die Idee eines Zeigertelegrafen, bei dem der Zeiger auf einer Skala nach einer bestimmten Zahl von Stromschritten auf dem gewünschten Buchstaben zu stehen kam.

Alles in allem aber bleiben die in Europa entwickelten elektrischen Telegrafen ein Betätigungsfeld von Wissenschaftlern. Es fehlte der Anstoß, ein solches System über eine größere Strecke in Betrieb zu setzen. Diese Notwendigkeit kam eist später mit der zunehmenden Ausdehnung Preußens. Frankreich hatte seit Napoleon I. ein sehr gut ausgebautes optisches Telegrafennetz, und auch England bediente sich dieser Technik.

Die Entwicklung des Morse-Telegrafen in den USA

Seit seiner Rückkehr aus Europa hatte sich Morse neben seiner Professur an der Universität von New York City weiter mit der Idee seines elektrischen Telegrafen beschäftigt. Dabei half ihm ein Kollege, Dr. Leonhard D. Gale, Professor für Physik und Chemie, in wichtigen technischen Details.

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Morses erster Telegrafenapparat: Senden des Zifferncodes
mit Schablonen, Empfang mit Zackenschrift
Foto: Deutsches Museum, München

 

Am 10. März 1837 richtete der amerikanische Finanzminister einen Appell an die Öffentlichkeit, Vorschläge für ein Telegrafensystem zu machen. Im Verlauf des so entfachten Interesses erschien am 1. September 1837 in der US-Presse auch ein Bericht über den Telegrafen von Steinheil. Daraufhin ließ Morse durch seinen Bruder Sidney in  dessen Zeitung verkünden, der elektrische Telegraf sei bereits 1832 von S. F. Morse erfunden worden. Morse gelang es aber erst am 4. September und mit Hilfe Dr. Gales, den prompt erschienenen Interessenten seinen Apparat vorzuführen.
Alfred Vail bot darauf Morse seine Zusammenarbeit an und baute in seiner Fabrik die ersten Modelle des Morseapparates. Auch Dr. Gale wurde für eine engere Mitarbeit gewonnen.
Morse wollte die einzelnen Worte einer Nachricht ursprünglich verschlüsselt als Zifferngruppen übertragen. Die Ziffern wurden durch entsprechend häufige Stromschritte dargestellt und vom Empfangsmagneten in Form einer Zackenschrift auf einem Papierstreifen aufgezeichnet, der von einem Gewicht gezogen wurde.

Vail dagegen entwarf ein regelrechtes Telegrafenalphabet aus Punkten und Strichen. Morse selbst hielt zunächst nicht allzu viel davon, nahm es aber in seine Patentanmeldung vom 7. April 1838 mit auf. Das Patent wurde am 20. Juni 1840 erteilt. Morses Bemühungen um den Bau einer Telegrafenlinie blieben aber zunächst erfolglos.

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Diese Tabelle im jährlich erscheinenden
Radio Amateur´s Callbook geht auf die
historischen zusammenhang nicht ein.
Der Vermerk "Used in ham radio" ist
natürlich etwas eng gesehen.

 

1838/39 weilte Morse nochmals in Europa, um dort die Möglichkeiten für seinen Telegrafen zu sondieren. Erfolg hatte er nicht, nahm aber offensichtlich einige Anregungen mit nach Hause. Er verwarf sein Zifferncode-System und setzte auf Vails Alphabet. Der Morseschreiber wurde überarbeitet und zeichnete die kurzen und langen Stromschritte als Vertiefungen in dem Papierstreifen auf.
Am 3. März 1843 bewilligte der amerikanische Kongress den Bau einer Telegrafenlinie entlang der Bahnlinie Washington - Baltimore. Nach Fehlschlägen mit einem vieradrigen Kabel wurde die Strecke als Freileitung gebaut und am 28. Mai 1844 mit der historischen Meldung "What hath God wrought?" in Betrieb genommen.

Nach diesem Erfolg bot Morse der amerikanischen Regierung seine Erfindung für 100 000 $ zum Kauf an. Aber diese vergab am 1. April 1845 das Recht zum Errichten und zum Betreiben von Telegrafenlinien an Privatgesellschaften.
Angesichts der Größe des Landes stiegen bald mehrere Firmen in dieses Geschäft ein, das entgegen den Erwartungen des US-General Post Masters bald recht lukrativ wurde. Dabei nahm man auf Morses Patente wenig Rücksicht. In einer schier endlosen Kette von Prozessen musste er um seine Rechte kämpfen, und hätten die europäischen Erfinder ihre Arbeiten auch in den USA angemeldet, hätte er wohl kaum Erfolg gehabt. So aber bestätigte der Oberste Gerichtshof der USA 1854 schließlich Morses Prioritäten. Daraufhin verlangte Morse auch noch von zehn europäischen Staaten eine Gratifikation - und bekam sie auch.

Morse starb am 2. April 1872, von vielen Amerikanern hoch verehrt, auf seinem Landsitz in Poughkeepsie bei New York.
Aber warum verwenden wir heute ein anderes Alphabet als das von Morse? Über eine Hintertür kam der Morseapparat doch noch in Europa zur Geltung und löste eine Entwicklung aus, die wohl nicht unbedingt in Morses Sinne verlief.

Weiterentwicklung in Europa

Etwa ab 1846 befaßte sich eine Kommission des preußischen Generalstabes mit den Möglichkeiten zur Einführung der elektrischen Telegrafie. Der Morseapparat und sein Alphabet erschien schwierig zu handhaben, der Zeigertelegraf war in der Bedienung einfach, aber nicht betriebssicher genug, so daß man sich zunächst nicht festlegen wollte. Immerhin baute der junge Werner Siemens im Auftrag der Kommission eine erste Telegrafenleitung von Berlin nach Frankfurt.

Der amerikanische Kaufmann William Robinson wollte in Europa Telegrafennetze nach amerikanischem Vorbild aufbauen. Wegen des staatlichen Post- und Fernmeldemonopols konnte er aber nur je zwei Apparate an den Schiffsmeldedienst an der Elbe- und Wesermündung verkaufen. Inspektor der "Hamburg-Cuxhavener optischen Telegrafen-Companie" war Friedrich Clemens Gerke. Er fand die Apparate selbst akzeptabel, das zugehörige Alphabet aber unzweckmäßig.
In Anlehnung an das Vorhandene entwarf er daher ein neues Alphabet nach uns heute sehr vertrauten Richtlinien: Einheitliche Länge von Strichen und Punkten, nur Punktabstände innerhalb eines Zeichens, maximal 4 Elemente für Buchstaben, 5 für Zahlen und 6 für Satzzeichen, ebenso eine Zuordnung kurzer Zeichen zu häufig vorkommenden Buchstaben. 1848 wurde mit diesem System der Telegrafenbetrieb zwischen Hamburg und Cuxhaven aufgenommen. Weitere Versuche auf der neuen Strecke Berlin - Köln zeigten die Überlegenheit des Morseapparates, wenn man in Hannover ein Zwischenrelais einfügte.

Aufgrund dieser positiven Erfahrungen entschied sich die Telegrafenkommission eindeutig für den Morsetelegrafen. Sie beauftragte aber die Berliner Firma D. F. Lewert (gegründet 1800) mit der Entwicklung eines verbesserten Apparates. Das Ergebnis konnte bereits als richtiges technisches Gebrauchsgut angesprochen werden; angetrieben wurde es von einem Federwerk.

Der DÖTV
Am 26. Juli 1850 gründeten die Länder Preußen, Sachsen, Bayern und Österreich den Deutsch-Österreichischen Telegrafenverein, dem später noch weitere Länder beitraten. Der DÖTV legte das von Gerke geschaffene Alphabet als Einheitsalphabet fest, nannte es aber Morsealphabet, in Würdigung Morses um die Einführung der elektrischen Telegrafie.
1851 wurde die Lewertsche Konstruktion zum Einheitsapparat des DÖTV erklärt. Auch die Berliner Firma Wilhelm Gurlt beteiligte sich ab 1853 an der Produktion dieses Apparates. Bereits 1856 lieferte Lewert den 1000. Apparat. Sehr begrüßt wurden ab 1861 die neuen Lewert-Apparate, die auf Anregung des Österreichers Thomas John einen Farbschreiber enthielten, dessen Schrift auf dem Papier besser zu lesen war, als die eingedrückten Zeichen nach dem Prinzip Morses. Gurlt brachte 1866 einen Apparat heraus, bei dem das Federwerk bei Brüchen problemlos gewechselt werden konnte. Mit einem Elektromotor versehen, hat sich dieses Konstruktionsprinzip für Übungszwecke bis heute erhalten.

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Zweiter Telegrafenapparat von S. Morse, 1846
mit Gewichtsantrieb (Nachbildung)

Foto: Deutsches Museum, München

Gründung der ITU
Ein Land, das damals aus verständlichen Gründen dem DÖTV nicht beitreten, aber doch am internationalen Telegrammverkehr teilnehmen wollte, war Frankreich. Auf Anregung von Napoleon III. kam es daher am 17. Mai 1865 in Paris zur Gründung der Internationalen Telegrafenunion. Der DÖTV brachte sein funktionierendes Telegrafensystem auf der Basis von Gerkes Alphabet ein, das damit zum Standard-Alphabet der ITU wurde. Dank dieser Entwicklung lieferte Lewert 1870 den 2000. und schon 1874 den 3 000. Morseapparat. Die Firma ging später in der C. Lorenz AG auf.

So kam es, daß die USA über die ITU vom alten Kontinent das internationale Morsealphabet übernehmen mußte. Denn damals lag das Zentrum der Welt noch in Europa, und dort waren auch bereits Bestrebungen im Gange zur Gründung eines Weltpostvereines, eine Idee, die der Geheime Oberpostrat Heinrich Stephan mit Umsicht verfolgte und die dann in zwei Etappen, 1874 und 1878, Wirklichkeit wurde (3).

Vails Alphabet wurde auf den nordamerikanischen und kanadischen Inlandstelegrafenlinien weiter benutzt. Im Zuge der wachsenden Bedeutung des Morseverkehrs in anderen Sprach- und Kulturkreisen entstanden weitere Alphabete, so für Griechisch, Russisch, Hebräisch und Arabisch. Auch für mehrere europäische Sprachen wurden Sonderzeichen für Umlaute und Akzentbetonungen festgelegt. Das Japanische schließlich verwendete für die 51 wichtigsten "Pinselzeichen" Kombinationen mit bis zu fünf Elementen (4). In der später von Großbritannien ausgehenden drahtlosen Telegrafie hat sich von Anfang an das ITU-Alphabet durchgesetzt.

Nachlese
Wo liegen nun, rückschauend betrachtet, die Verdienste Morses? Ein brillanter Techniker war er nicht. Im Kampf um seine Patentrechte mag er sich auch nicht immer von seiner besten Seite gezeigt haben. Aber er war ein Mann, der von der Möglichkeit der elektrischen Telegrafie fasziniert war und dem es gelang, die nötigen Helfer für die Realisierung seiner Idee um sich zu scharen. Mit einem modernen Begriff kann man ihn also als den erfolgreichen Promotor der elektrischen Telegrafie bezeichnen.

Und Friedrich Clemens Gerke, der eigentliche Vater "unseres" Alphabets? Am 22. Januar 1801 als Sohn eines bischöflichen Mundkochs in Osnabrück geboren, zeigte er bereits auf der Landschule in Bad Rehburg musikalisches und poetisches Talent. Da der kinderreichen Familie aber für eine weiterführende Ausbildung das Geld fehlte, arbeitete er zunächst als Schreiber und Bediensteter in einem Hamburger Kaufmannshaus. Von 1820 bis 1823 stand er als Musiker im Dienst der britischen Kolonialarmee in Kanada. Nach Hamburg zurückgekehrt, arbeitete er bis 1841 u. a. als Privatmusiker und Schriftsteller. So machte er auch zunächst durch ein Gedicht über den desolaten Zustand der optischen Telegrafenlinie des Schiffsmeldedienstes zwischen Cuxhaven und Hamburg auf sich aufmerksam. Als Inspektor dieser Linie angestellt, brachte er sie tatsächlich binnen kurzem wieder zur einwandfreien Funktion.
Daß der Vater "unseres" Morsealphabetes Musiker war, ist historisch auch deswegen von Interesse, als schon immer eine gewisse Musikalität für das Erlernen der Zeichen als vorteilhaft angesehen wurde.
1869 wurde Gerke erster Vorsteher des Hamburger Telegrafenamtes, und von 1872 bis 1876 leitete er die Telegrafenstation in Gotha. Er starb im hohen Alter von 87 Jahren in Hamburg, am 21. Mai 1888.

Hans-Joachim Brandt DJ1ZB


Literatur
(1) Johann Augustin: Information - das Abenteuer der Nachrichtentechnik. Verlag Carl Ueberreuter Wien ISBN 3-80003119-1.
(2) J. R. G. Beavon: Morse Code and Rubber Stamps. Radiocommunication July 1982, S. 604. (3) Geschichte der Post, Verlag Werner Dansien Hanau/Main ISBN 3-7684-1886-3.
(4) Bill Welsh: Worldwide Codes. CQ, Novice Column, December 1980, S. 32-35.
(5) Gerhard Weinreich: Ein Alphabet aus Punkten und Strichen. Deutsche Post (33) Heft4/ 1988.

(Quelle: Funk 4/91)  mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift "Funkamateur"

 

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