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20:23 Uhr, 05. Juni - Der Mitte Februar im russischen Ural niedergegangene Meteoritenschauer hat erneut deutlich gemacht, dass die Menschheit Flugkörpern aus dem Weltall schutzlos ausgeliefert ist.

Russische Wissenschaftler scheinen offenbar einen Weg gefunden zu haben, wie die Erde vor unerwünschtem Besuch aus dem Weltraum besser geschützt werden könnte: durch den Abschuss von gefährlichen Asteroiden durch andere Kleinplaneten.

Mehrere Asteroiden könnten in Erdnähe stationiert werden, um sie notfalls als „Kanonenkugeln“ einzusetzen, sagte Natan Eismont vom Institut für Weltraumforschung.

„Ich war selbst eher skeptisch in Bezug auf diese Idee, solange eine solche Situation nicht mit dem Computer modelliert wurde“, so der an diesem Projekt mitwirkende Experte.

Mehrere Asteroiden könnten auf erdnahen Umlaufbahnen so positioniert werden, dass jeder von ihnen alle paar Wochen oder Monate in einer Entfernung von 100 000 bis 200 000 Kilometer an der Erde vorbei fliegen würde, so dass sie gegen potenziell gefährliche Himmelskörper eingesetzt werden könnten. Diese Vorschläge sind in der neuesten Studie des Instituts für Weltraumforschung und der Higher School of Ecomonics in Moskau zu finden.

Derzeit würden im Weltall mehr als 9000 Asteroiden umherfliegen, in relativer Nähe zur Erde, deren Umlaufbahnen innerhalb einer astronomischen Einheit (AE, 149 Millionen Kilometer) von der Erdumlaufbahn liegen, führte Eismont an. Es könne sich aber nur um ein bis zwei Prozent von der Gesamtzahl dieser Flugkörper handeln, warnte er. Neue kleine Planeten werden fast täglich entdeckt.

Am besten eignen sich Asteroiden, deren Umlaufbahnen elliptisch sind, so dass sie sich in bestimmten Positionen nahe der Erde befinden. Die übrige Zeit befinden sie mehrere astronomische Einheiten von unserem Planeten entfernt.

Derzeit bestehe die Möglichkeit, eine unbemannte Rakete des Typs Proton – das wichtigste Erzeugnis der russischen Weltraumforschung – mit zwei Tonnen Brennstoff an Bord zu einem kleinen Planeten zu schicken, so Eismont weiter. Die Rakete müsste auf der Oberfläche des Planeten befestigt und zu einem bestimmten Zeitpunkt gesprengt werden, um seine Umlaufbahn etwas zu korrigieren.

Am besten würden dafür Flugkörper mit einem Durchmesser von zehn bis 15 Metern und einem Gewicht von 1500 bis 2000 Tonnen geeignet sein (zum Vergleich: der im Gebiet Tscheljabinsk niedergegangene Meteorit war 17 Meter groß und mehr als 9000 Tonnen schwer).

Bis zuletzt galt der Asteroid 99942 Apophis als besonders gefährlich für die Erde – bis seine Flugbahn in diesem Jahr berechnet wurde. Der kleine Planet hat vermutlich einen Durchmesser von 325 Meter und eine Masse von 40 Megatonnen.

Derartige Asteroiden kollidieren alle 63 000 Jahre mit der Erde, behaupten Experten. Die Zahl der Todesopfer nach einem Einschlag könnte bei zehn Millionen liegen. Das würde Vorsichtsmaßnahmen rechtfertigen.

Ein Meteoritenhagel wie in der Ural-Region ereigne sich alle 50 bis 80 Jahre, so Eismont.

Der Asteroid 1998 QE2 mit einem Durchmesser von 3,2 Kilometern ist Ende der vergangenen Woche im Abstand von 5,8 Millionen Kilometern (15 Mondentfernungen) an der Erde vorbei geflogen.

Das Schutzprogramm würde Eismont zufolge etwa eine Milliarde Dollar für jeden Start einer Proton-Rakete kosten. Die dafür erforderliche Ausrüstung könnte in zehn bzw. zwölf Jahren entwickelt werden.

Angesichts der enormen Kosten scheint die Idee zum Scheitern verurteilt zu sein. In Wirklichkeit aber hat die US-Raumfahrtbehörde NASA ähnliche Pläne im Rahmen ihres Asteroid Retrieval and Utilization Project. Es geht um den Abfang und die Weiterleitung eines 500-Tonnen-Asteroiden in den Mondorbit, damit er nach 2025 bei bemannten Expeditionen erforscht werden könnte. Das Weiße Haus stimmte der Bereitstellung von 105 Millionen Dollar für die erste Phase des insgesamt 2,6 Milliarden Dollar teuren NASA-Projektes im Jahr 2014 zu.

Für das russische Projekt ist ein staatlicher Zuschuss in Höhe von 150 Milliarden Rubel (4,8 Milliarden Dollar) vorgesehen. Dieses Projekt besteht allerdings nur auf dem Papier.

Vizepremier Dmitri Rogosin hatte vor mehreren Monaten erklärt, der Schutz der Erde sei eine der Prioritäten der russischen Raumfahrt. Der Kreml zeigte allerdings bisher kein Interesse daran.

Die Idee der russischen Wissenschaftler könnte der Vorbeugung von einigen aus dem Weltall drohenden Gefahren dienen, sagt Donald Yeomans vom NASA-Labor in Pasadena (US-Bundesstaat Kalifornien). „Wenn ein Asteroid, der mit der Erde kollidieren könnte, groß und schwer genug ist, dann könnte seine Umlaufbahn mithilfe eines anderen Asteroiden tatsächlich verändert werden“, sagte der Experte in einem Interview für RIA Novosti.

Kleinere Asteroiden sollten nach seinen Worten jedoch besser abgefangen werden, wobei sie mit manövrierfähigeren Raumapparaten, aber nicht mit anderen Asteroiden gerammt werden könnten, betonte Yeomans.

Das russische Projekt werfe viele technische Fragen auf, sagte Wladimir Surdin vom Sternberg-Forschungsinstitut der Staatlichen Lomonossow-Universität in Moskau. Dazu gehören die Entwicklung der Ausrüstung für die Asteroidensteuerung oder die Montage solcher Anlagen auf Asteroiden. „Es gibt auch andere Probleme. Aber allgemein ist nichts Fatales daran. Die Methode muss durchdacht werden, aber sie sollte zum Instrumentenarsenal zur Verteidigung der Erde gehören.“

Dass die Menschheit solche Schutzmittel braucht, davon ist auch Experte Eismont überzeugt. Irgendwann komme sicherlich eine „Attacke“ aus dem Weltall, warnte er. „Niemand kann genau sagen, wann der nächste Asteroid kommt, aber ich bin sicher, dass er irgendwann kommt“, so der Experte.

Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.
(Alexej Jerjomenko, RIA Novosti)

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