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Der sowjetische Kosmonaut Alexej Leonow ist vor 55 Jahren als erster Mensch ins Weltall ausgestiegen – 2,5 Monate vor dem US-Amerikaner Edward White.

Das Raumschiff Woschod-2 mit den Raumfahrern Pawel Beljajew und Alexej Leonow an Bord wurde am 18. März 1965 vom Weltraumbahnhof Baikonur mit der Trägerrakete Woschod gestartet. 1,5 Stunden nach dem Start betrat Leonow erstmals das Weltall. Er schwebte mehr als zwölf Minuten außerhalb des Raumschiffs und entfernte sich auf mehr als fünf Meter.

„Was Leonow damals machte, ist ein epochale Errungenschaft in der Geschichte der Weltraum-Erschließung. Darauf, dass dies ein wichtiges Ereignis war, weist der Fakt hin, dass bei der Aufzählung der größten Errungenschaften der bemannten Raumfahrt immer drei genannt werden – der erste Raumflug mit einem Menschen, der erste Ausstieg ins Weltall und der erste Ausstieg auf die Mondoberfläche“, sagt Alexander Schelesnjakow von der Russischen Ziolkowski-Akademie für Kosmonautik.

Die Amerikaner übertrumpfen

Im April 1964 hatte die sowjetische Führung die Aufgabe gestellt, bei einem Woschod-Flug den Ausstieg ins Weltall zu absolvieren. Man wollte dabei den USA zuvorkommen, die eine ähnliche Aufgabe im Gemini-Projekt planten.

„Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Sowjetunion und der USA. Der erste US-Ausstieg in den freien Weltraum fand 2,5 Monate nach dem russischen Ausstieg statt. Sowohl für uns als auch für die Amerikaner war das sehr wichtig“, sagte Schelesnjakow.

Für den Ausstieg wurde der Raumanzug „Berkut“ entwickelt. Um das komplette Schiff vor der Atmosphäre im Weltall abzudichten, wurde von Ingenieuren die Luftschleuse „Wolga“ entwickelt. Bei den Startvorbereitungen wurde sie am Woschod-Schiff angebracht und mit Sauerstoff gefüllt, nachdem das Schiff in den Orbit gebracht worden war.

„Der Zeitpunkt, wann der Kosmonaut das Raumschiff verlässt und draußen bleibt, war sehr wichtig. Diese Technologie musste sehr sorgfältig durchgearbeitet werden, weil damals eine ziemlich umfassende Erschließung des Weltraums, der Bau von Orbital-Stationen und Fabriken, Reisen auf andere Planeten geplant waren“, so der Wissenschaftler.

Aufgeblasener Raumanzug

Bei den Tests des Raumanzugs auf der Erde konnte ein Vakuum wie im Weltraum nicht nachgeahmt werden, deswegen blähte sich Leonows Anzug auf, als er in den Weltraum ausstieg. Die Rückkehr in die Luftschleuse drohte zu scheitern, der Kosmonaut schwebte buchstäblich in höchster Lebensgefahr.

Doch Leonow rettete sich, indem er sich der Anweisung widersetzte – er senkte den Druck in seinem Anzug, womit der seine ursprüngliche Form wiedererlangte. Danach kehrte er in die Schleuse mit dem Kopf statt mit den Beinen voran zurück – auch damit verstieß er gegen die Vorgaben.

„Daran, dass es zu einer außerordentlichen Situation kam, war nichts Erstaunliches. Das war doch die erste Erfahrung. Man wusste nicht alles, nicht alles konnte vorhergesehen werden“, so Schelesnjakow.

Ihm zufolge war Leonow gut vorbereitet. „Ob die Senkung des Drucks im Raumanzug eine durchdachte oder impulsive Entscheidung war, kann jetzt nicht mehr geklärt werden, doch das war die einzig richtige Entscheidung, die er damals treffen konnte. Das rettete ihm das Leben und half ihm bei der Erfüllung des Programms“, so Schelesnjakow.

Auf dem Seil tanzen

Die „Wolga“-Luftschleuse wurde während eines unbemannten Flugs des Woschod-Schiffs im Februar 1965 getestet. Doch ihre Tests konnten nicht abgeschlossen werden, weil zufällig der Befehl übermittelt wurde, das Schiff aus dem Orbit auf die Erde zurückzuholen. Um eine Landung an einem falschen Ort zu verhindern, wurde Woschod durch ein Vernichtungssystem gesprengt.

Deswegen mussten die Tests der Luftschleuse beim Flug des Aufklärungssatelliten Zenit buchstäblich eine Woche vor dem Woschod-2-Start mit Beljajew und Leonow an Bord wiederholt werden.

„Das war ein großes Risiko, doch ein durchdachtes, nicht unvernünftiges. Alles, was damals in der bemannten Kosmonautik geschah, war ein Tanz auf dem Seil“, sagte der Wissenschaftler.

Allerdings hält er diese Herangehensweise für richtig. „Gerade wegen dieses Risikos gab es damals solche Errungenschaften. Heutzutage können wir nicht damit prahlen, weil es sehr viele Absicherungen gibt“, so Schelesnjakow.

Ihm zufolge spielte beim Erfolg des ersten Ausstiegs ins All der Chefkonstrukteur der Raketen- und Weltraumtechnik, Sergej Koroljow, eine sehr große Rolle. „Er konnte sogar eine umstrittene Entscheidung treffen, weil er im Inneren verstand, dass sowohl die Technik als auch die Menschen in Notsituationen einander ergänzen und bei der Erfüllung der Aufgabe helfen können“, so Schelesnjakow.

Heldenhafte Ausstiege ins Weltall

Im Laufe der 55 Jahre nach der Heldentat Leonows waren 232 Menschen im offenen All, darunter 67 sowjetische und russische Kosmonauten, 144 US-Astronauten, je vier Franzosen, Japaner und Kanadier, drei Deutsche, zwei Chinesen und je ein Schweizer, Schwede, Italiener und Brite.

Es wurden 416 Ausstiege in den freien Weltraum absolviert, darunter 150 in russischen Raumanzügen, 265 in amerikanischen und einer in einem chinesischen. Der längste Ausstieg wurde am 11. März 2001 von den Nasa-Astronauten James Voss und Susan Helms absolviert; er dauerte acht Stunden und 56 Minuten. Die Kosmonauten Anton Schkaplerow und Alexander Missurkin absolvierten am 2. Februar 2018den längsten russischen Ausstieg, der acht Stunden und zwölf Minuten dauerte.

Rekordhalter nach der Zahl der Ausstiege und Gesamtdauer ist seit mehr als 20 Jahre der Kosmonaut Anatoli Solowjow – 16 Ausstiege mit insgesamt 78 Stunden und 46 Minuten.

(Quelle: Sputnik Deutschland / Copyright © Sputnik)

 

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